Arbeitsgruppe 2: Wir denken in Erzählungen. Vom Verschwinden der Fakten aus der Berichterstattung

Impulsgeber der Arbeitsgruppe:

Sandra Müller
Freie Journalistin 
Redakteurin, Moderatorin und Reporterin für den Südwestrundfunk

Heinrich M. Löbbers 
Journalist 
Mitglied der Chefredaktion der Sächsischen Zeitung 

Prof. Dr. Friederike Herrmann (Moderation)
Professur für Journalistik und Kommunikationswissenschaft 
an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt


Die Scrollytelling-Webdoku
Jeder Sechste ein Flüchtling” von Sandra Müller und Katharina Thoms zeigt, wie sich Meßstetten – eine Kleinstadt auf der Schwäbischen Alb – und seine Bewohner durch die Aufnahme von mehreren tausend Asylsuchenden verändern. Die Veränderungen haben sich eher schleichend vollzogen, deshalb haben die Journalistinnen die Berichterstattung als Langzeitprojekt angelegt. Da es sich bei der Flüchtlingsdebatte in Deutschland um eine äußerst vielschichtige Thematik handelt, haben sie  sich bewusst für eine journalistische Erzählform aus unterschiedlichen Perspektiven entschieden – das Scrollytelling. 

Die Sächsische Zeitung entschied im Juli 2016, die Nationalität von Straftätern und Tatverdächtigen grundsätzlich zu nennen, unabhängig davon, ob es sich um Ausländer oder Deutsche handelt. Sie hat damit bewusst gegen die Richtlinie 12.1 des deutschen Pressekodex verstoßen, und für großes Aufsehen gesorgt. Heinrich Löbbers begründet diesen Schritt mit der Debatte über den zunehmenden Vertrauensverlust der Bürger in die Medien und deren Unabhängigkeit. Darüber hinaus war die Sächsische Zeitung vermehrt Ziel von “pressefeindlichen” Aktionen und ist von Pegida-Anhängern vor dem Verlagsgebäude immer wieder als „Lügenpresse“ betitelt worden. Das zentrale Argument ist, dass durch die bewusste Nichtnennung der Herkunft die Vorurteile der Menschen erst recht geschürt werden. Mit diesem Schritt sollen, nach Auffassung der Zeitung, die Minderheiten im Verbreitungsgebiet der Zeitung geschützt und vor Diskriminierung bewahrt werden. 

Diese zwei unterschiedlichen Perspektiven der Impulsgeber haben die Arbeitsgruppe 2 zu der Überlegung gebracht, dass es für Journalisten in Deutschland unglaublich schwierig ist, allgemein gültige Aussagen darüber zu treffen, wie man mit der Nennung der Herkunft in der Berichterstattung über Straftaten umgehen sollte. Die Perspektiven, die momentan vorhanden sind, unterscheiden sich innerhalb Deutschlands nach Region und Milieu. Der Kontext im konservativ geprägten Sachsen ist mit Sicherheit nicht mit dem einer Universitätsstadt wie Tübingen zu vergleichen, in der gefühlt die ausländerfeindlichste Person der grüne Oberbürgermeister Boris Palmer ist (Achtung: Satire!).

Fakten alleine sind unschuldig, aber wenn sie auf Frames treffen, dann verlieren sie ihre Unschuld.
(Torsten A. Sälinger, Teilnehmer der AG)

Damit stößt Torsten Sälinger passend die Diskussion über Frames an. Die Verknüpfung eines Themas mit bestimmten Interpretationsmustern bezeichnet man in der Kommunikationswissenschaft als Framing. Dies sind Rahmungen, die verschiedene Gesellschaften, Regionen, Medien, Milieus usw. für die Selektion und Interpretation von Fakten bereithalten. Eine Grundlage sind unsere unausgesprochenen Vorannahmen, nach denen wir Fakten einordnen. Dazu gehört auch das psychologische Phänomen, Angst vor Fremden zu haben. Solche Ängste kennt fast jeder Mensch, ebenso aber auch Gastfreundschaft, Aufgeschlossenheit und Solidarität mit den Fremden. Die Ängste können bespielsweise dazu führen, dass wir unbewusst Fakten der Berichterstattung nicht aufnehmen oder falsch verstehen. Wenn ein gesellschaftlicher Frame dominant wird, der besagt, Ausländer seien grundsätzlich krimineller als Deutsche, kann das unbemerkt Einfluss auf die Präsentation der Fakten in der Berichterstattung haben und auch die Rezeption verändern.

Journalisten dürfen sich nicht aus der Verantwortung ziehen, indem sie sich ausschließlich auf die Fakten beschränken und mögliche Konsequenzen der Interpretation zwischen den Zeilen unbeachtet lassen. Sonst werden sie nach Meinung von Arbeitsgruppe 2 ihrer Aufgabe nicht gerecht. Sie tragen Verantwortung für ihre Aussagen und sollten sich der Folgen ihrer Berichterstattung für Gesellschaft und Individuen bewusst sein. Das heißt jedoch nicht, dass sie Aufgaben wie Pädagogen oder Sozialarbeiter übernehmen sollten.  Aufklärer ja – Weltverbesserer nein! Sandra Müller hat diesen Diskussionspunkt passend und einfach auf den Punkt gebracht: 

Uns muss bewusst sein, dass nicht entscheidend ist, was gesagt wird, sondern was ankommt!
(Sandra Müller, Impulsgeberin der AG)

Man kann dementsprechend bei dieser Thematik keine allgemeine Regel formulieren, sondern muss die jeweiligen Kontexte berücksichtigen, wie die Beispiele aus Meßstetten und Dresden zeigen. Das Bewusstsein, dass Fakten alleine nicht den Sinn bestimmen sondern auch über den Kontext nachgedacht werden muss, sollte auch in der journalistischen Ausbildung vermittelt werden.

Die Scrollytelling-Webdoku von Sandra Müller über Meßstetten kann als eine wichtige Form des Dialogs verstanden werden. Derartige Berichterstattungen aus kleineren Orten sind im Journalismus leider selten. Die Langzeitberichterstattung ermöglicht durch den bewussten Perspektivenwechsel und Dialog eine neutrale Betrachtung dieser komplexen Thematik und kann mit Vorurteilen aufräumen. Konkret genannt wurde das Beispiel eines Geflüchteten, der ein Kind in die Wange gekniffen hatte und dafür wegen sexueller Belästigung angezeigt werden sollte. Sandra Müller suchte draufhin den Dialog mit dem Vater und fragte ihn, warum er das als sexuelle Belästigung sieht. Hier zeigt sich, wie wichtig der Wechsel von Perspektiven ist. An dieser Szene hat die Arbeitsgruppe festgemacht, was eine Recherche ist, die weder Sozialarbeit sein will, noch Partei ergreift, aber dennoch über die klassische Berichterstattung hinausgeht: Weil man sich auf die Personen einlässt und versucht zu verstehen. Es war ein entscheidender Punkt der Recherche, die Reaktion des Vaters weder zu übergehen, noch zu verurteilen, sondern mit klassischer journalistischer Recherche seine Motive herauszufinden.


Bildergalerie

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Teilnehmerstimmen aus dieser Arbeitsgruppe
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Die Studierenden aus Arbeitsgruppe 2 von der 
Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt
AG2
Lukas von Eyb, Stefan Ried, Elisabeth Korn, Adrian Kilb (v.l.n.r.)