AG4: Perspektivenvielfalt durch die „Themen-Redaktion“

Themen- statt Terminjournalismus

Perspektivenvielfalt bedeutet auch Themenvielfalt – das wurde nach der Tagung und den intensiven Diskussionen deutlich. Nachdem bereits eine Art „Leitfaden“ für JournalistInnen mit der Arbeitsgruppe im Fazit erarbeitet wurde, werden an dieser Stelle praktische Möglichkeiten vorgestellt, wie sich Themenvielfalt im redaktionellen Alltag individuell umsetzen lässt.

Das Studierendenteam hat nach der Tagung eine qualitative Inhaltsanalyse einer deutschen Zeitung (n=74) durchgeführt und festgestellt, dass Perspektivenvielfalt in einem Großteil der Artikel gegeben ist. Folglich tauchte die Frage auf, ob Perspektivenvielfalt auch Themenvielfalt bedeutet und wie sie in der Praxis umgesetzt werden kann.

Perspektivenvielfalt ergibt sich aus der Themenvielfalt

– Studierendenteam –

Um möglichst praxisnahe Lösungsansätze zu generieren, wurden die vier Journalistinnen, Ulrike Pfeil (Schwäbisches Tagblatt), Sandra Müller (SWR), Eva Heidenfelder (Freie Journalistin, darunter FAZ) und Nina Ayerle (Stuttgarter Zeitung), qualitativ zu den Ergebnissen der Inhaltsanalyse interviewt. Aus den Interviews wurde die sogenannte „Themen-Redaktion“ entwickelt:

 

Redaktionshaus

(Abbildung 1: „Themen-Redaktion“, eigene Darstellung)

 

Die übergeordnete Ebene, das Dach der Redaktion stellt die Organisation (HerausgeberIn des Mediums) dar, die Vorgaben (Redaktionsstatut, Leitlinien, Layout-Vorgaben) für die JournalistInnen enthält. Hiervon ausgehend sollten traditionelle Ressorts aufgelöst, mittelfristige Planer eingesetzt und feste Serienfolgen etabliert werden.

Das Grundgerüst des Hauses bilden die JournalistInnen. Mit Kreiseln, Themen-Dates, einer ehrlichen Kommunikationskultur untereinander, einer Milieuvielfalt innerhalb der Redaktion und der Suche nach neuen Themen auf Terminen soll Themenvielfalt in der Redaktion für JournalistInnen ermöglicht werden. Die einzelnen Bausteine der „Themen-Redaktion“ werden im Folgenden kurz vorgestellt:

1. Ressorts neu denken

In vielen Redaktionen gibt es das Problem, dass JournalistInnen auf ihren Ressorts „sitzen“: So kümmert sich derjenige aus dem Politikressort ausschließlich um politische Themen, während ein anderer nur Kulturthemen bearbeitet. Dies hat vor allem mit Bequemlichkeit zu tun, denn einerseits kennt man sich auf seinem Gebiet aus, andererseits lassen sich Themen im eigenen Ressort leicht finden. So kommt es, dass kaum einer ein Thema aus einem „fremden“ Ressort recherchiert oder – andersherum betrachtet – keiner sein Ressort in die Hand eines anderen geben möchte. Argumente wie „du kennst dich da doch nicht aus“ sind häufig zu hören – sind aber Gift für die Perspektivenvielfalt.

Ressortgrenzen bedeuten oft auch Hürden bei der Kommunikation untereinander

– Studierendenteam –

An diesem Punkt soll schließlich angesetzt werden. Es muss in Themenbereichen und in Kooperationen gedacht werden, damit ein Themen- statt Terminjournalismus möglich wird.
Umsetzbar ist dies beispielsweise durch sogenannte Themen-Teams in den Redaktionen. JournalistInnen, die aus verschiedenen Ressorts kommen und so einen unterschiedlichen Blick auf Themen haben. Sie bilden, beispielsweise im monatlichen Rotationsverfahren, Teams, übernehmen dann zeitweise keine Pflichttermine und widmen sich ausschließlich einem Thema. Im Team ist ein gegenseitiger Austausch möglich, neue Herangehensweisen können ausprobiert und Kontakte weitergegeben werden.

Zukünftig sollten die traditionellen Ressorts also überdacht werden und sich zu Themen-Ressorts wandeln. Hierzu können zum Beispiel Sinus-Milieu-Tests im Verbreitungsgebiet des jeweiligen Mediums durchgeführt werden. Diese helfen dabei, die Gesellschaft in soziale Milieus mit unterschiedlichen Lebensstilen und Wertvorstellungen einzuteilen. Ursprünglich stammt dieser Ansatz aus der Soziologie und hilft dabei, Gesellschaftstypen verständlich zu machen. Sinus-Milieus rücken somit den Menschen und das gesamte Bezugssystem seiner Lebenswelt ins Blickfeld und liefern daher mehr Informationen als herkömmliche Zielgruppenansätze.

 

Sinus-Mileus(Abbildung 2: „Sinus-Milieus Deutschland 2017, SINUS Markt- und Sozialforschung)

Dies soll nicht heißen, dass das Medium künftig nur noch einen Bruchteil der Gesellschaft erreicht, sondern es sollen gezielt vor allem auch Themen aus der Lebenswelt der unterschiedlichen Menschen im vorrangigen Verbreitungsgebiet des Mediums aufgegriffen werden. – Mehr von dem, was die Menschen wirklich bewegt und interessiert.

Mögliche „neue“ Ressorts bzw. Themen könnten „Einkaufen“, „Schule“
oder „Mobilität“ sein.

2. Mittelfristige Planer 

Ein weiterer Garant für mehr Perspektivenvielfalt könnte der sogenannte „mittelfristige Planer“ sein. In jeder Redaktion sollte diese Stelle etabliert und rotierend mit unterschiedlichen Redaktionsmitgliedern besetzt werden. Der mittelfristige Planer hat anstehende Termine im Blick und entwickelt darum herum weitere Themen. Sei es ein spannendes Portrait eines Künstlers, das die Pressemitteilung einer Vernissage weiterdenkt oder ein Beitrag der die Perspektive einer Frau einnimmt, die freiwillig Kochkurse für Flüchtlinge gibt.

Also ein Beitrag, der erklärt was der Antrieb dieser Hobbyköchin ist, welche Hürden sie bei ihrem sozialen Engagement nehmen muss und was sie sich für das gemeinsame Zusammenleben mit geflüchteten Menschen wünscht. – Statt der naheliegenden Perspektive des Flüchtlings entwickelt diese neugeschaffene Stelle des mittelfristigen Planers weitere „Drehs“ für Berichterstattung. Erfolgreich wird dieses Modell seit einigen Jahren unter anderem beim Bayerischen Rundfunk angewandt.

3. Feste Serienfolgen

Um mehr Themen statt Termine im Blatt, in der Sendung oder auf der Website zu haben, bieten sich feste Serienfolgen an, die immer wieder auftauchen und die langfristig geplant werden können. Denkbar wären Folgen, die dem Beispiel „Landlust Landfrust“ vom SWR folgen, um Menschen zu Wort kommen zu lassen, die beispielsweise das Wohnen auf dem Land lieben oder hassen. Weitere Vorschläge für feste Serien ergaben sich aus den Interviews: „Du, wir, Frankfurt (Name der Stadt beliebig)“ – eine Serie, bei der Bewohner der Stadt zu Wort kommen und erzählen wie sie leben, welche Probleme sie haben, mit was sie in der Stadt kämpfen, welche Lieblingsplätze sie empfehlen können oder wie sie wohnen. Persönliche Gespräche und Rundgänge durch die Stadt könnten mit der Serie „Unterwegs mit…“ die Stadt den LeserInnen näherbringen. Auch der im nächsten Punkt erwähnte „Kreisel“ könnte hier ansetzen und zu einer festen Serie ausgearbeitet werden.

Vorschläge feste Serienfolgen: 
"Du, wir, Frankfurt", "Unterwegs mit...", "Kreisel-Seite"

4. Kreisel

Um die Kreativität der Mitarbeiter gezielt zu fördern und den Fokus so auf eigene Geschichten legen zu können, können wöchentliche/monatliche „Kreisel“-Runden (Abbildung 3) stattfinden. Bei den „Kreiseln“ drehen sich die Gedanken der Mitarbeiter um persönliche Alltagserfahrungen, die dann wiederum in die journalistische Arbeit mit einfließen sollen.

Kreisel-Runde

(Abbildung 3: „Kreisel-Runde“, eigene Darstellung)

Fragen, die dort diskutiert werden können, sind zum Beispiel: Was nervt mich in meinem Wohnviertel, im Straßenverkehr, an der Schule meiner Kinder, an meinen Mitmenschen, an Gebäuden, beim Arzt, beim Einkaufen, beim Ausgehen oder generell an der Politik und der Gesellschaft? Was ist mir in meiner Stadt positiv oder negativ aufgefallen, was ließ mich kurz innehalten, was könnte verbessert werden? Geht es anderen genauso, habe nicht nur ich dieses Problem und wie wäre es zu lösen?

Für solche Gedanken liegen zu jeder Zeit Kreisel-Blätter in der Redaktion aus, die ausgefüllt werden können. Jeder, der bei der Kreisel-Runde mitmachen möchte, schreibt dort seine zuletzt gemachten Erfahrungen auf, die er anschließend im „Kreisel“ diskutiert. An einem runden Tisch kommt jeder zu Wort und so können persönliche Alltagserlebnisse zu Themen und Geschichten werden, die ihre Kreise von der Redaktion in die Öffentlichkeit ziehen und stellvertretend für gesellschaftliche Probleme stehen. Denn mit diesen Runden versetzen sich die Mitarbeiter in die Leserperspektive. An den „Kreiseln“ sollte jeder Angestellte teilnehmen können, der möchte. Die Besetzung wäre somit jedes Mal eine andere und im Idealfall möglichst so heterogen wie die Leserschaft. Verschiedene Mitarbeiter aus verschiedenen Bereichen (Online, Print, Grafik etc.) profitieren vom jeweils anderen. So kann eine Geschichte, ein Thema über die verschiedenen Kanäle hin geplant und das crossmediale Denken, ein geschlossener Kreis innerhalb der Redaktion und des Newsrooms, vorangetrieben werden. Weiter wäre denkbar, die Kreisel öffentlich zugänglich zu machen, um LeserInnen daran teilnehmen zu lassen, die den gesellschaftlichen Querschnitt abbilden.

Denkbar wäre zum Beispiel eine wöchentliche „Kreisel-Seite“ im Blatt zu etablieren, das von einem „Kreisel-Team“ befüllt wird, das rotiert und sich aus den verschiedenen Bereichen einer Redaktion (Editoren, Reporter, Grafiker, Onliner etc.) zusammensetzt. So könnten zugleich auch wichtige crossmediale Gedanken in der Praxis gefestigt und umgesetzt werden.

Kreisel-Runde

(Abbildung 4: „Kreisel-Blätter“, eigene Darstellung)

 

5. Themen-Dates

Für weitere Themenideen, die ein/e MitarbeiterIn gerne in einem Team über mehrere Kanäle hinweg bearbeiten möchte, eignet sich eine große Pinnwand im Newsroom/Redaktionsraum (am besten im Eingangsbereich) mit bunten Post-its. Jeder aus der Redaktion, dem ein Thema einfällt, das sich crossmedial mit verschiedenen Drehs aufbereiten lässt, kann es auf einen Klebezettel schreiben und an die Pinnwand heften – egal ob Redakteur, Layouter, Sekretärin, Putzfrau oder Hausmeister. Alle Kollegen kommen an der Pinnwand vorbei, da sie im Eingangsbereich steht, und können ihre Gedanken zu diesem Thema ebenfalls auf einen weiteren Klebezettel schreiben und darunter heften. So werden viele Perspektiven und Herangehensweisen an ein Thema zusammen erarbeitet. Außerdem kann an der Pinnwand bzw. an einem Thema ein Ort und ein Zeitpunkt angebracht werden, um sich auf ein Themen-Date zu treffen, ein sogenanntes „Tate“, bei dem sich Interessierte zusammentun und gemeinsam brainstormen. Dies kann in einem Rückzugsraum, in der Kaffeeküche, beim Mittagessen oder bei einer Raucherpause geschehen. Neben dem Vorteil der vielfältigen Betrachtung eines Themas können sich die Kollegen bei der Gelegenheit untereinander besser kennenlernen. Jedes Tate ist somit gleichzeitig auch eine Teambuildingmaßnahme.

Tate

(Abbildung 5: „Tate“-Pinnwand, eigene Darstellung)

6. Kommunikationskultur für mehr Perspektiven

Damit auch freie Mitarbeiter eigenständig Themen recherchieren, für deren Zeitaufwand sie meistens nicht bezahlt werden, ist es wichtig, ihnen eine immaterielle Anerkennung teilwerden zu lassen. Dies geschieht mit intensiven Feedbackgesprächen zu den abgegebenen Artikeln, ebenso wie mit Anerkennung und Lob. Anerkennung kann auch dadurch geäußert werden, dass man hinter den JournalistInnen und ihren Themen steht. Sie bekommen für ihre Themenartikel mehr Platz und Zeit im jeweiligen Medium, werden von Terminen freigestellt und haben genügend Zeit für die Recherche, so dass sie crossmedial arbeiten können.
Weiter ist es wichtig, die regelmäßige Blattkritik in Zeitungsredaktionen wieder stärker zu etablieren. Es soll also die Möglichkeit geben, nochmals gezielt Artikel und darin enthaltene Perspektiven oder auch fehlende Perspektiven in größerer Runde zu diskutieren und JournalistInnen so Feedback für ihre Arbeit zu geben. Auch das ist ein Mittel, das in einer Vielzahl von Redaktionen zunehmend vernachlässigt wird, aber die Zeitung und damit die Perspektivenvielfalt stetig verbessern kann.

7. Perspektivenvielfalt durch Milieuvielfalt

Viele Redaktionen bestehen aus JournalistInnen, die aus ähnlichen Milieus/Klassen stammen und denselben (hohen) Bildungsabschluss haben. Oft fehlen ihnen deshalb Berührungspunkte zu anderen Milieus, wodurch viele Gruppen nicht in der Redaktion repräsentiert werden und somit auch nicht in der Zeitung zu Wort kommen. Aber ihre Sichtweise auf Dinge kann eine ganz andere sein als die der Journalisten, auch ihr tägliches Umfeld, ihr Alltag, ihre Sorgen und Ängste können sich grundsätzlich von denjenigen der Journalisten unterscheiden. Neben der „Put yourself in the other man’s shoes“-Methode, bei der JournalistInnen versuchen sollen, aus der Perspektive anderer Menschen zu schreiben, muss auch eine Milieuvielfalt innerhalb der Redaktion gesichert werden. Dazu ist notwendig, dass verschiedene Menschen aus verschiedenen Milieus, Ländern, Städten, Altersgruppen etc. in den Redaktionen sitzen, um Perspektiven- und Themenvielfalt innerhalb des Mediums erreichen zu können.

8. Termine in Themen verwandeln

Oft schreiben JournalistInnen über Termine, die ihnen meist von Vereinen (besonders im Lokaljournalismus) oder Amtsträgern zugespielt werden. Das Ende der Veranstaltung bedeutet für JournalistInnen häufig das Ende des Termins und damit das Ende des „Weiter-Nachdenkens“ über die besuchte Veranstaltung.

Aber: Jeder Termin bietet neue Themen, die weiterrecherchiert werden können, und kann damit als Quelle für eine Vielzahl neuer Themen und Geschichten angesehen werden.

– Studierendenteam –

Dafür müssen JournalistInnen vor Ort offen sein und mit den anwesenden Leuten ins Gespräch kommen, damit sich weitere Themen oder Ansatzpunkte ergeben. Dies setzt wiederum voraus, dass JournalistInnen keine Vorurteile gegenüber bestimmten Gruppen oder Menschen haben und keine Scheu zeigen, sich vielleicht auch einmal in ganz neue Gefilde zu begeben.

Dafür ist es wichtig, dass JournalistInnen in ihrer Ausbildung lernen, mit Menschen umzugehen. So wäre es in jedem Fall sinnvoll, neben der Vermittlung des klassischen journalistischen Knowhows vor allem auch Seminare, Workshops, Schulungen und Weiterbildungen zur Stärkung von sozialen Kompetenzen zu integrieren.