AG3: „Entscheidungsbaum“ zur Verwendung der ersten Person Singular

„Ich glaube, dass mehr junge Leute Zeitung lesen würden, weil die Verwendung der Ich-Perspektive viel abwechslungsreicher ist und den Artikel vielleicht auch interessanter macht.“ (Schülerin der 11. Klasse)

Im Anschluss an die Tagung führte unsere Arbeitsgruppe eine Gruppendiskussion mit sieben Schülern der elften Klasse des Willibald Gymnasiums in Eichstätt durch. Ziel war es, die Wirkung des Ichs in journalistischen Texten zu untersuchen. Dazu wurden den Schülern zwei thematisch identische Texte vorgelegt, die jeweils in der dritten sowie in der ersten Person Singular formuliert waren (hier geht es zu den Texten). In der angeregt geführten Diskussion wurden von den Schülern die Fragen aufgeworfen, ob es überhaupt neutralen Journalismus gibt und wann die Ich-Perspektive verwendet werden sollte.

Ein Schüler merkte beispielsweise an, dass dem Text in der dritten Person eine gewisse Transparenz fehle:

„Der erste Text ist auch absolut kein sachlicher Bericht […]. Im Endeffekt wurde der Text von einem personenspezifischen Standpunkt aus geschrieben, nur wurde dieser nicht selbst genannt. Aber die Eindrücke werden eigentlich genauso beschrieben und das wird bei dem Ich-Erzähler im zweiten Text einfach nur nochmal verdeutlicht, dass es eben die Erfahrung des Reporters ist.“ (Schülerin der 11. Klasse)

Zudem unterhielten sich die Schüler ausgiebig über die Verwendung der Ich-Perspektive in den verschiedenen Ressorts und erörterten Vor- und Nachteile:

„Also in der Politik kann man das [die Ich-Perspektive] nur machen, wenn man in der Heute-Show ist oder wenn man einen Kommentar schreibt, zum Beispiel einen richtig reißerischen über irgendeinen Parteitag oder so. Aber da braucht man – finde ich – schon sachliche Infos. Über Kultur geht es vielleicht, über ein Theater oder ein Konzert oder auf der Kulturseite, aber im Politik- oder Wirtschaftsteil nicht.“ (Schüler der 11. Klasse)

Ein Schüler sprach sich dafür aus, dass die Verwendung der ersten Person Singular im Politikbereich explizit als meinungsbasiert kenntlich gemacht werden sollte:

„Bei der Politik könnte ich mir das [die Ich-Perspektive] schon vorstellen, vielleicht in einem extra Meinungsbereich. Aber wenn man wirklich nur die politischen Informationen möchte, dann wäre das Sachliche eigentlich viel besser, weil sonst hat man automatisch wieder einen meinungsorientierten Text.“ (Schüler der 11. Klasse)

Die vielfältigen Ergebnisse der Gruppendiskussion halfen uns dabei, einen Entscheidungsbaum zu erstellen, der bei der Frage nach dem Einsatz der Ich-Perspektive in journalistischen Texten zu Rate gezogen werden kann. Durch das Beantworten der verschiedenen Fragen wird der Autor zu verschiedenen Lösungsmöglichkeiten geleitet, die wiederum beantworten, ob ein Text in der Ich-Perspektive geschrieben werden soll oder nicht. (zur detaillierteren Auswertung der Ergebnisse klicken Sie hier)

Entscheidungsbaum für journalistische Texte

Entscheidungsbaum_neuneu

Fragen

I. Besteht ein persönlicher Bezug des Redakteurs/ Ist eine authentische Darstellung einer Sichtweise generell möglich?

II. Bringt die erste Person Singular einen zusätzlichen Mehrwert zu diesem Thema?

III. Werden dennoch Fakten/Informationen vermittelt?

 

Lösungen

A. Grünes Licht für den Artikel

Der Artikel kann in der ersten Person Singular verfasst werden.

B. Mehr Recherche

Der Artikel benötigt noch weitere Hintergründe/Fakten und mehr allgemeine Informationen. Durch Recherche zu weiteren Erfahrungsberichten kann der Journalist zudem eine noch authentischere Darstellung der ersten Person Singular erreichen. Eine weitere Möglichkeit ist die Betrachtung der Gegenseite bzw. einer anderen Position. Gegebenenfalls kann diese von einem weiteren Redakteur subjektiv verfasst werden, um eine Gegenüberstellung zu erreichen.

C. Vorsicht geboten

Die Herangehensweise an den Artikel sollte noch einmal überdacht werden. Ist der Artikel sehr meinungslastig, könnte eine Gegenüberstellung weiterer Positionen in der dritten Person Singular in Betracht gezogen werden. Auch eine ausführlichere Faktenrecherche wäre hilfreich (z.B. in Form einer Faktenbox). Gleichzeitig sollte darauf geachtet werden, dass die Subjektivität einen tatsächlichen Mehrwert bringt, was in der Regel eher im Bereich Kultur oder Panorama der Fall ist. Im Politik- oder Wirtschaftsteil sollte die Entscheidung für den subjektiven Schreibstil noch einmal überdacht werden.

D. Keine erste Person Singular verwenden

Der Artikel sollte ohne die Verwendung des „Ichs“ verfasst werden und möglichst objektiv informieren.

E. Keinen Artikel verfassen

In diesen Fällen sollte kein Artikel verfasst werden, es sei denn, es erfolgt eine eingehendere Recherche, nach der die Fragen in einem weiteren Durchlauf anders beantwortet werden können.

 

Beispielhafte Anwendung des Entscheidungsbaums

“Der Herrenwitz”

Frage I: Besteht ein persönlicher Bezug des Redakteurs/ ist eine authentische Darstellung generell möglich?

  • Ja, die Redakteurin führt das Interview und schildert ihre eigene negative Erfahrung mit dem Interviewpartner.

Frage II: Bringt die erste Person Singular einen zusätzlichen Mehrwert zu diesem Thema?

  • Ja, die Erfahrungen der weiblichen Journalistin mit dem unprofessionellem Verhalten männlicher Politiker wird durch die Verwendung der ersten Person authentisch dargestellt.

Frage III: Werden dennoch Fakten/Informationen vermittelt?

  • Ja, es werden Daten und Fakten vermittelt. So wird zum Beispiel die politische Laufbahn des Interviewten näher beleuchtet.

Lösung A: Grünes Licht für den Artikel.

 

Katastrophengespräch mit James Franco

Frage I: Besteht ein persönlicher Bezug des Redakteurs/ ist eine authentische Darstellung generell möglich?

  • Ja, die Redakteurin schreibt über ihre Erlebnisse auf besagter Party.

Frage II: Bringt die erste Person Singular einen zusätzlichen Mehrwert zu diesem Thema?

  • Nein, die Frage nach dem Outfit und ihre Enttäuschung über das kurze Gespräch sind für den Leser irrelevant.

Frage III: Werden dennoch Fakten/Informationen vermittelt?

  • Nein, es werden kaum relevante Fakten und Hintergrundinformationen zu James Franco und der Party vermittelt.

Lösung C: Vorsicht geboten. Zum Thema des Artikels passt generell die subjektive Darstellung, jedoch wären zusätzliche Informationen wichtig. Die Anwendung des „Ichs“ sollte zudem einen Mehrwert für den Artikel bringen und nicht narzisstisch wirken.


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