„Es ist wichtig, sich vom Tempo nicht irre machen zu lassen“

Der Wettbewerb um exklusive Themen, Nachrichten und Informationen erfordert von Medien ein immer höheres Tempo. Wie kann es Medien trotz des enormen Zeitdrucks gelingen, objektiv und fehlerfrei zu berichten? Der Journalist und Mainzer Journalistik-Professor Tanjev Schultz spricht im Interview über den Umgang mit Fehlern in der Berichterstattung, die Zukunft von Algorithmen und die Verantwortung des Publikums im Echtzeitjournalismus.

Herr Schultz, Sie sind einer der Mitautoren einer Glaubwürdigkeitsstudie. Inwiefern würde die Glaubwürdigkeit von Journalisten langfristig Schaden nehmen, wenn Schnelligkeit das entscheidende Kriterium wäre?
Je mehr Fehler passieren und je mehr sich die Medien mit falschen Nachrichten oder halbseidenen Nachrichten blamieren und sich nicht unterscheiden von der Gerüchteküche, desto weniger werden die Leute bereit sein, dafür Geld auszugeben. Manche werden das propagandistisch ausschlachten, wie wir das in den letzten Jahren gesehen haben mit den Lügenpresse-Debatten. Da muss man sehr auf die Qualität achten und so gesehen ist es sehr, sehr wichtig, die Qualitätsmaßstäbe hochzuhalten und sich vom Tempo nicht irre machen zu lassen.

Wir haben in der Diskussion angesprochen, dass Journalisten mit Transparenz dem Schnelligkeitswahn entgegen wirken könnten. Wem nützt es mehr, Unsicherheitsfaktoren in einem Artikel transparent zu machen – den Journalisten oder den Rezipienten?
Schwer zu sagen, es kann auch nach hinten losgehen, wenn man permanent dem Publikum vermittelt „wir wissen eigentlich gar nichts und wir machen lauter Fehler“. Dann fragt sich das Publikum, wozu man Medien überhaupt braucht. So darf es nicht sein. Man sollte viel Substanz liefern und Unsicherheiten und Dinge, die noch nicht klar sind, benennen und auch mit Fehlern offen umgehen. Es ist wichtig, das für das Publikum einzuordnen, man darf es damit aber nicht überfordern. Für Redaktionen ist diese Transparenz unabdingbar, und der Selbstbindungsmechanismus, nicht mehr zu berichten, als man weiß, ist ein Qualitätssicherungsinstrument. Ich weiß nicht, für wen es am Ende wichtiger ist. Es ist gut für den Journalismus und der hat eben eine Publikums- und Produzentenseite, da würde ich keine Unterscheidung machen.

Am Ende kommt es darauf an: Hat man was zu sagen oder nicht und ist es journalistisch substanzreich.

Wo könnten Journalisten noch ansetzen?
Sie sollten sich nicht so sehr treiben lassen von vermeintlichen Zwängen und sich immer fragen, ist die Recherche gut genug, weiß ich genug, kann ich substanziell etwas berichten und bewerten? Es geht also darum, die Grundtugenden des Journalismus zu pflegen. Die haben sich nicht grundlegend verändert, das bedeutet allerdings nicht, oldschool alten Formaten verhaftet zu bleiben, sondern den Qualitätsanspruch auch im Digitaljournalismus einzulösen. Man muss offen sein für neue Formate, aber alles, was dem Anspruch an Qualität und Substanz nicht genügt, ist nicht gut genug. Da ist es völlig wurscht, ob das auf Snapchat ist, auf Instagram, auf Facebook ausgespielt wird oder auf einer klassischen Nachrichten- oder Meinungsseite im Print. Das ist nur das Transportmedium, am Ende kommt es darauf an: Hat man was zu sagen oder nicht und ist es journalistisch substanzreich.

Die Frage ist, inwieweit sich das durchsetzen lässt und ob das Bewusstsein auf der höheren Etage der Chefebene tatsächlich vorhanden ist.
Bei manchen Medien ist schon ein Bewusstsein dafür da, das als Chance zu begreifen, sich abzuheben von allem möglichen, was es in der großen weiten Welt des Netzes gibt, und bewusst Inhalte mit Substanz zu bieten. Andere fahren andere Strategien und verlottern im Prinzip ihre Marke, weil sie jeden Quatsch mitmachen, und das ist gefährlich. Kann sein, dass sie damit kurzfristig oder sogar langfristig Erfolg haben, aber ob das dann noch verdient, Qualitätsjournalismus genannt zu werden, ist eine andere Frage.

Denken Sie da an Focus?
Das ist in vielerlei Hinsicht ein Negativbeispiel würde ich sagen, ja.

Jeder ist selbst verantwortlich und dazu aufgerufen, Substanz nachzufragen und kritisch zu hinterfragen, was man liest, sieht und hört.

Welche Verantwortung tragen die Rezipienten und was könnten Sie mit einer Verhaltensänderung bewirken?
Sie tragen große Verantwortung. Journalisten sollten natürlich nicht mit dem Finger aufs Publikum zeigen und sagen „ihr seid Schuld“. Dennoch ist jeder auch selbst verantwortlich und dazu aufgerufen, Substanz nachzufragen und kritisch zu hinterfragen, was man liest, sieht und hört. Die Möglichkeiten, sich gut zu informieren sind gestiegen, und es ist toll, was man alles im Netz finden kann. Vielleicht wäre es gut, wenn man dafür auch Geld ausgibt, aber davon abgesehen ist natürlich das Publikum gefordert, zur Qualität beizutragen und das wertzuschätzen.

Hier spielt auch das Thema Bildungspolitik eine Rolle. Was halten Sie von der Idee, bereits in der Schule anzusetzen und zu erklären, wie Journalisten arbeiten, damit das Bewusstsein für Qualitätsjournalismus schon von klein auf gefördert wird?
Ich halte das für fast zwingend und wichtiger denn je. Allerdings auch mit den Negativbeispielen, um Probleme im Journalismus deutlich zu machen. Es geht zudem um Bildung im umfassenden Sinne: Wer ein Interesse an Informationen hat, muss in der Lage sein, zwischen Fakten und Nicht-Fakten zu unterscheiden, er muss aushalten, dass Fakten vielleicht der eigenen Meinung widersprechen und er muss zwischen normativen und empirischen Zugängen unterscheiden können. Das sind alles Dinge, die – unabhängig vom Journalismus und von den einzelnen Medienformen – erst einmal beigebracht werden müssen und da sehe ich eine große Herausforderung. Auch für die im Alltag wichtige kommunikative Kompetenz, wie man offen diskutiert, dass man tolerant ist gegenüber anderen Meinungen und was die Kriterien für Qualitätsbeiträge in der Diskussion sind. Da geht es um Demokratiebildung im weiten Sinne. Da müsste man ansetzen.

Algorithmen verändern das Thema Tempo ebenso, denn sie setzen etwas blitzschnell um, eine Nachdenkpause gibt es nicht mehr.

Gibt es in der Diskussion der Tagung Aspekte, die aus Ihrer Sicht zu kurz kamen beziehungsweise wo man noch weiterführend ansetzen müsste?
Wir haben in der Diskussion Algorithmen noch nicht angesprochen, diese entpersonalisierte Form des Informationsvermittelns oder –selegierens, die das Thema Tempo auch verändern. Algorithmen setzen etwas blitzschnell um, eine Nachdenkpause gibt es nicht mehr. Wenn sie für eine bestimmte Situation nicht geeignet und falsch programmiert sind, ist es schon zu spät. Wir haben jetzt Phänomene wie Chatbots. Auch Nachrichtenmedien experimentieren damit und das ist eine Entwicklung, die weitere Fragen im Hinblick auf das Tempo des Journalismus und die Rolle von Journalisten aufwirft und auch ethische Prinzipien berührt: Denn wie steht es mit der Autorschaft, wer ist verantwortlich für einen Text, und wie transparent ist diese Autorschaft für den Nutzer?

Sprechen Sie damit auch auf die App Resi an, die Nachrichten in Messenger-Form ausspielt?
Beispielsweise. Früher oder später werden viele journalistische Plattformen immer mehr Algorithmen einsetzen und vielleicht auch die Auswahlprinzipien, was und wo ein Artikel platziert wird, Algorithmen überlassen.

Wobei sich Algorithmen und Roboterjournalismus vielleicht in Teilbereichen bereits einsetzen lassen, aber komplett automatisiert hat es sich doch bisher noch nicht.
Genau, das ist erst in den Anfängen. Ethisch und moralisch unproblematisch ist es, wenn man aus der dritten, vierten Liga die Sportberichte automatisiert rauswirft, das kann entlastend sein für eine Redaktion. Es kann aber auch zu Problemen führen. Wir wissen noch nicht, wohin die Reise geht und das würde ich kritisch im Auge behalten.

Herr Schultz, vielen Dank für das Gespräch.

 

Prof. Dr. Tanjev Schultz

Prof. Dr. Tanjev Schultz ist seit 2016 Professor am Journalistischen Seminar, Institut für Publizistik der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Zuvor war er mehr als zehn Jahre lang politischer Redakteur der Süddeutschen Zeitung, u.a. mit den Schwerpunkten Bildung, Innere Sicherheit, Extremismus und Terrorismus. Tanjev Schultz studierte Philosophie, Psychologie, Politikwissenschaft, Publizistik und Germanistik an der Freien Universität Berlin und der Fern Universität Hagen sowie Journalismus an der School of Media der Indiana University in Bloomington, USA. Es folgte eine Promotion an der Universität Bremen. Wissenschaftliche Arbeitsschwerpunkte sind z.Zt. Medienvertrauen, Verschwörungstheorien, journalistische Darstellungsformen.