Arbeitsgruppe 5: Tempo, Tempo – Über (Un)sinn der Geschwindigkeit in der Medienberichterstattung

Ist es nur subjektives Empfinden, dass Journalisten heute immer schneller berichten und Eilmeldungen ungeprüft durchgereicht werden? Oder gab es den Tempowahn schon früher, vielleicht schon zu Zeiten der Mondlandung, wie Lorenz Lorenz-Meyer in der Gesprächsrunde anmerkt?

„Das Problem ist nicht eine neue Atemlosigkeit des Journalismus, sondern Atemlosigkeit des Publikums.“ (Lorenz Lorenz-Meyer, Hochschule Darmstadt)

In den letzten zehn bis fünfzehn Jahren gewann der Anspruch, als erster exklusiv zu berichten, durch die Digitalisierung noch einmal eine ganz neue Bedeutung. Sicherlich ist auch der Rezipient und sein Bedürfnis, bei bestimmten Ereignissen schnell informiert zu werden, ein Faktor, der zu diesem enormen Zeitdruck beigetragen hat. Die Journalisten wiederum haben sich dabei auf den Tempowahn eingelassen und sich zu sehr an Klickzahlen orientiert. Die Folge: Fehler und Falschmeldungen häuften sich und der Journalismus läuft Gefahr, an Glaubwürdigkeit zu verlieren. Wie also können Journalisten die Bedürfnisse der Rezipienten bedienen und gleichzeitig ihre Glaubwürdigkeit wahren?

Diese Fragen wurden in der AG 5 mit Medienschaffenden sowie Wissenschaftlern, Studierenden und angehenden Journalisten diskutiert. Wichtige Impulsgeber waren Gerd Schneider (Chefredakteur der Esslinger Zeitung), Tanjev Schultz (Journalist und Professor für Journalismus an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz) und Lorenz Lorenz-Meyer (Journalist und Professor für Onlinejournalismus und Medienentwicklung an der Hochschule Darmstadt)

In unserer zweitägigen Tagung wurden gemeinsam Thesen erarbeitet, wie das gelingen kann:

I. Der Journalist sollte sich selber zurücknehmen und stärker die Rolle des Moderierenden übernehmen. Wenn ein Terroranschlag passiert, ist es entscheidend, dass Journalisten die entstehende Informationsflut moderieren und für den Leser Orientierung schaffen. Sie filtern, selektieren und bewerten Informationen und ordnen diese ein. Sie sollten neue Stimmen zu Wort kommen lassen, den User stärker einbinden.

II. Transparenz und Glaubwürdigkeit gehen Hand in Hand: Ein transparenter  Umgang mit Fehlern und Medienkritik im eigenen Medium tragen zu mehr Glaubwürdigkeit bei.

III. Journalisten müssen dem Leser die Bedingungen und den Zeitdruck verständlich machen, unter denen manche Nachrichten entstehen sowie ein Bewusstsein für die Arbeit der Journalisten schaffen.  So wird die Medienkompetenz des Lesers gestärkt. Dem Leser hilft es auch, wenn verschiedene Formate und Darstellungsformen klar getrennt werden und kenntlich gemacht wird, ob es sich um Meinung oder eine Nachricht handelt.

„Wir müssen Qualitätsmaßstäbe stärker vermitteln“ (Tanjev Schultz, Universität Mainz)

IV. Die Arbeitsgruppe 5 stellt in ihrer Diskussion fest, dass wir uns aktuell in einer Zeitenwende befinden. Jedoch fehlt der intellektuelle, moralische und ethische Unterbau: Eine neu angestoßene Diskussion über Verhaltensregeln und einen Kodex ist notwendig, etwa in Bezug auf die ad-hoc Berichterstattung in Krisensituationen. Sandra Müller (Autorin und Hörfunkjournalistin beim SWR) etwa fordert während der Podiumsdiskussion, die Medien in Katastrophen-Übungen mit einzubeziehen und so stark zu machen für die Praxis. Ein Ampelsystem zur Einordnung der Faktenlage von redaktionellen Texten, wie es die Masterstudierenden der KU entwarfen, kann zudem den Anspruch eines Beitrags in Bezug auf redaktionsintern definierte Kriterien dem Leser transparent  aufzeigen.

V. Es gilt als grundlegende journalistische Regel und rückt in der Online-Praxis doch leicht in den Hintergrund: Erst in Ruhe recherchieren und dann veröffentlichen. Ralf Paniczek (ZDF) erinnert daran, dass jeder Einzelne das journalistische Handwerkszeug in den Fokus stellen und sich abseits des Mainstreams bewegen sollte: „Es muss ein Klima des Mutes geben. Es auszuhalten, ein Thema nicht zu haben, das alle anderen haben.“ Denn wer zu schnell sein will, opfert Informationsgehalt und Qualität und damit den Mehrwert für den Rezipienten. Hier ist es an der Zeit, die Medienpraxis zu hinterfragen.

„Der journalistische Service geht verloren, wenn wir zu schnell sind“ (Lorenz Lorenz-Meyer)

VI. Grundlegend ist, dass Redakteure sich auch in Krisensituationen an journalistische Standards erinnern und diese an die aktuellen Bedürfnisse des digitalen Journalismus anpassen. Dazu gehört, seine eigene Rolle und seine Verantwortung gegenüber dem Leser zu hinterfragen.

„Wir messen nur die Quantität mit Klicks und nicht die Qualität“. (Miriam Leunissen, PR-Redakteurin)

Konkret kann das bedeuten, die Trennung von Verlag und Redaktion zu wahren: Damit sind Journalisten weniger von dem Druck der Verlage abhängig, vorrangig Reichweite zu produzieren. Zudem ist der Druck, der durch die Unterbesetzung der Redaktionen entsteht, ein großes Problem für den Journalismus. Print-Journalisten sollen heutzutage zusätzlich zu den Standard-Aufgaben Online-Kanäle bedienen – alles in derselben Arbeitszeit. Die geringere Mitarbeiterzahl in den Redaktionen ist in der journalistischen Praxis schwerwiegender als das gestiegene Tempo.

„Ein großes Problem ist die Verdichtung der Arbeit auf immer weniger Leute“ (Engelbert Hopf, Redakteur Markt & Technik)

Diese Thesen, die die AG 5 während der Tagung formulierte, erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Der Druck der Medien, schnell sein zu müssen, wird die Branche weiterhin beschäftigen und es werden noch weitere Lösungsansätze vonnöten sein.  Welche Verantwortung die Medien tragen und welche Rolle die Rezipienten bei der Echtzeit-Berichterstattung spielen, hat Journalistik-Professor Tanjev Schultz im Interview genauer erläutert.

Darüber hinaus zum Weiterlesen:

– Gruppendiskussion zum Thema Tempo vs. Qualität: Unsere Ergebnisse

– Die Entwicklung eines Ampelsystems durch Studierende der KU

„Tempo, Tempo — der Weg in den Mainstream“: Hintergrundrecherche zur AG 5

– Weiterführende Literatur zum Thema

 

Die Studierenden aus Arbeitsgruppe 5 von der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt: Sonja Nowack, Melanie Lang und Jakob Kube (v.l.n.r.)