Arbeitsgruppe 3: Ich – Die erste Person Singular als journalistisches Mittel

Impulsgeber von Arbeitsgruppe 3
Prof. Dr. Margreth Lünenborg, Freie Universität Berlin
Mirko Drotschmann, Moderator des Mitteldeutschen Rundfunks und YouTube-Video-Blogger “MrWissen2Go”
Moderation: Bastian Sorge, Referent in der Chefredaktion des Rundfunks Berlin Brandenburg

Tag 2

Am zweiten Tag der Tagung wurden die tags zuvor besprochenen Aspekte in die Praxis umgesetzt. Bastian Sorge begann damit, die verschiedenen Texte mit der Arbeitsgruppe durchzugehen. Begonnen wurde mit einem Text über den Schauspieler James Franco. In einer lebhaften Diskussion über die Vor-und Nachteile des Ich-Bezugs bemerkten die Teilnehmer, dass durch den zu vielen und zu langen Gebrauch in diesem Text schnell Langeweile entstand. Außerdem sollte sich, trotz der Verwendung des Ichs in einem journalistischen Text, der Autor nicht zu wichtig nehmen und keine reine Selbstbespiegelung betreiben.

Der Einsatz vom Ich muss gerechtfertigt sein. (Bastian Sorge)

Die Arbeitsgruppe stellte fest, dass die Verwendung des Ich-Bezugs immer gerechtfertigt und eine bewusste Entscheidung sein sollte. Die bewusste Verwendung des Ichs sorgt für eine emotionale Dichte und lässt den Leser das Erzählte besser nachfühlen. Margreth Lünenborg stellte beim ersten Beispiel fest, dass der Text – von einer kommunikationswissenschaftlichen Seite betrachtet – die parasoziale Interaktion dekonstruiert.

Dieser Held, zu dem sie ein girliemäßiges Verhältnis hatte, der wird jetzt vor unseren Augen entblättert. (Prof. Dr. Margreth Lünenborg)

Als kontrastierendes Gegenstück wurde der zweite Text “Der Herrenwitz” anschließend untersucht. Der Einsatz vom Ich wurde in diesem Text als viel bewusster und angenehmer empfunden. Die Arbeitsgruppe stellte in einer angeregten Besprechung fest, dass das eigene Erleben als ein wichtiger Baustein angesehen werden kann und für eine persönliche Note sorgt. In diesem Text wirkte das Ich für die Arbeitsgruppe als wahrhaftiger, glaubwürdiger und war leichter zu rezipieren und sorgte dadurch auch für mehr Abwechslung, als es noch im ersten Text der Fall war. Das eigene Erleben der Autorin ist ein wichtiger Baustein, zusätzlich liefert sie noch eine Bestandsaufnahme und bringt das Ich bewusst ein. Der Autorin gelingt es in diesem Text durch den sinnvollen Einsatz des Ichs für eine Augenhöhe zu sorgen. Wann der Einsatz des Ichs gerechtfertigt ist und wann nicht, sorgte für eine lebhafte Diskussion innerhalb der Arbeitsgruppe. Dafür konnte auch keine allgemein geltende Handlungsempfehlung gefunden werden, da dies immer situationsbedingt und vom Thema abhängig gemacht werden sollte. Prof. Dr. Lünenborg fügte jedoch in Hinblick auf das zweite besprochene Beispiel noch hinzu, wenn es um die Nähe zwischen Journalisten und Politikern geht, journalistische Stücke – die aus einem Ich berichten – nicht unbedingt für Transparenz sorgen. Es bräuchte vielmehr noch einen Dritten, der die Interaktion von Journalisten und Politikern beobachtet um den Faktor der Augenhöhe reinzubringen.

Das Ich muss auch immer mal wieder durch eine dritte Person geradezu kontrastiert werden. (Prof. Dr. Margreth Lünenborg)

In einem gemeinsamen Dokument wurden die Erkenntnisse, Funktionen und Risiken des Ich-Bezugs ausgearbeitet und festgehalten (PDF siehe unten). Dabei tat sich auch die Frage auf, ob traditioneller Journalismus von klar subjektiven Formen etwas lernen kann und sich vielleicht sogar wandeln sollte. Diese Frage wurde von der Arbeitsgruppe dahingehend beantwortet, dass Faktoren wie Authentizität, Interaktivität und Transparenz definitiv Punkte sind, die der traditionelle Journalismus von diesen subjektiven Formen lernen kann. Nach dieser angeregten Unterhaltung wurde der Workshop von Bastian Sorge mit einer kurzen Zusammenfassung, in der er die letzten Tage Revue passieren ließ und noch einmal auf die wichtigsten Punkte einging, abgeschlossen.

Die Arbeitsgruppe mit ihren Gästen und den behandelten Themen kam auch bei den Teilnehmern sehr gut an. Dorothee Büttner, eine ehemalige Studentin der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, fand nur lobende Worte für die Tagung und im Besonderen auch für die Arbeitsgruppe: “Ich fand die Idee super, Leute aus der Theorie mit Leuten aus der Praxis zusammen zu tun. Mein Resümee ist: Es war eine super Tagung und es hat mir auf jeden Fall etwas gebracht! Es hat sich gelohnt hierher zu kommen”