Arbeitsgruppe 1: Dialog auf Augenhöhe

Moderation:

Pascal Tannich, Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt

Impulsgeber:

Prof. Dr. Klaus Meier, Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt

Martin Giesler, Journalist & Blogger, Herausgeber Social Media Watchblog, Göttingen

Fritz Wolf, das medienbüro, Düsseldorf erhielt Lehraufträge von verschiedenen Universitäten
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Prof. Dr. Klaus Meier

 

»Facebook wird derzeit eher als Vertriebskanal für die Medien genutzt werden, aber nicht als Diskussi­onskanal, eine Änderung wäre wünschenswert.«

 

Was ist gemeint, wenn von einem Dialog auf Augenhöhe gesprochen wird? Welche Motive für einen Dialog gibt es auf Seite der Journalisten und welche Erwartungen hat das Publikum? Was sind die Voraussetzungen für einen qualitativ hochwertigen Dialog und was für Möglichkeiten gibt es, mit den Nutzern zu interagieren? Wie lassen sich dialogische Formate entwickeln und welche Herausforderungen gibt es? Wo sind die Grenzen der Dialogfähigkeit und welche dialogischen Geschäftsmodelle sind denkbar?

Diese Fragen wurden in der Arbeitsgruppe 1 herausgearbeitet und diskutiert. Als Anreiz für die Diskussion wurden am ersten Tag zwei Impulse gesetzt, aus denen sich die weiteren Themen entwickelt haben.

Impuls 1: 

Den ersten Impuls gibt Fritz Wolf, der im Rahmen einer Studie über Rundfunkgremien auf die Frage des Umgangs der Journalisten mit dem Publikum gestoßen ist. Wolf stellt gleich zu Beginn drei zentrale Thesen zum Umgang der Medien mit den Rezipienten auf.

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Fritz Wolf

»Es müsste demokratischere Beziehungen zwischen Publikum und Medien geben«

 »Die Quote soll nicht einziges Beziehungsinstrument zwischen Publikum und Sendern sein.«

 »Auf die Attacken gegen Journalismus und Medien sollte nicht nur defensiv, sondern offensiv reagiert werden.«

Durch die neue Öffentlichkeit im Netz wird das Publikum greifbarer, was aber auch dazu führt, dass Medienunternehmen sich mit neuen Formen von Medienkritik konfrontiert sehen. Das neue Publikum ist nicht mehr die klassische deutsche Kernfamilie, sondern ein multiples Publikum, das sich selbst nicht nur als Konsument, sondern auch als Bürger sieht. Um einen Zugang zu diesem Publikum zu bekommen, kann es nicht die eine richtige Strategie geben, sondern es muss verschiedene Ansätze geben.

Der zunehmenden Kritik am Journalismus und den Medien sollte durch mehr Transparenz begegnet werden. Es ist zu unterscheiden zwischen dem äußeren und inneren Transparenzvorgang:

Der äußere Transparenzvorgang beschäftigt sich mit der Frage, ob Medienunternehmen einen Ombudsmann haben sollten, wie mit Beschwerden umgegangen wird und welche Publikumsbeziehungen Sender aufnehmen.

Der innere Transparenzvorgang beantwortet zunächst die Frage, woher Informationen stammen und was sie bedeuten. Man sollte auch das „making of“ der journalistischen Arbeit zu einem Teil des journalistischen Produkts machen. Das Erwähnen der Rahmenbedingungen gehört mit zum Dialog zwischen Publikum und den Sendern. Werden diese Bedingungen nicht transparent gemacht, kann es für den Rezipienten zu einer verzerrten Wahrnehmung kommen.

Zu solchen inneren Bedingungen gehört auch die Frage, ob und welche Absprachen es in Interviews gegeben hat oder ob veröffentlichte Bilder inszeniert (so zum Beispiel bei der Demonstration nach den Attentaten auf das Satire-Magazin „Charlie Hebdo“) oder aus dem Moment entstanden sind. Die Offenlegung dieser inneren Bedingungen journalistischer Erzeugnisse sind Teil des inneren Transparenzvorgangs.

Zum Abschluss stellt Wolf noch verschiedene Ideen zur anschließenden Diskussion in den Raum: Die Gremien sollten den Dialog zum Publikum herstellen. Im Hinblick auf die ARD wird im Programmbeirat mehr Transparenz gewünscht und angeregt, in den Leitlinien der anderen Sender eine Publikumsbeteiligung vorzusehen. Außerdem bestehe die Möglichkeit, die Diskussion um eine unabhängige Stiftung wiederaufzunehmen, die die Programmpolitik begutachten soll.

Auf Ebene der Journalisten sieht er die Notwendigkeit, die eigenen Arbeiten und die Arbeitsweise offen zu legen.

Die Rolle der Journalisten als Gatekeeper ist vorbei. 

(Fritz Wolf)

Auf Ebene des Publikums sollte ein Verständnis für den journalistischen Beruf hergestellt werden und es muss gewährleistet sein, dass ein seriöser Diskurs möglich ist.

Diskussion zu Impuls 1:

In der anschließenden Diskussion wurden zunächst persönliche Erfahrungen im Hinblick auf einen Dialog zwischen Publikum und Medienunternehmen gesammelt. Nach den Erfahrungen der Teilnehmer wurden konkrete Dialogangebote (z.B. Diskussionen mit Lesern online wie offline) von den Rezipienten meist positiv aufgenommen und es kam zu einem konstruktiven Austausch zwischen Medienunternehmen und Publikum.

Es wurde außerdem die Umsetzung und Machbarkeit eines solchen Dialogs in sozialen Netzwerken diskutiert. Hierzu wurde die Notwendigkeit gesehen, Medienunternehmen personell entsprechend auszustatten, um einen qualitativen Dialog gewährleisten zu können. Größtes Hindernis ist nach Ansicht der Teilnehmer, dass insbesondere Facebook aus unternehmerischer Sicht ein Marketinginstrument ist. Facebook wird von den großen Medienunternehmen als Marketingkanal genutzt und nicht als Dialogkanal.

Außerdem ist zu unterscheiden zwischen der Ebene des Geschäftsmodells und der Ebene der Journalisten. Auch wenn ein Wille auf Ebene der Redaktionsleitung da ist, braucht es auch ein Geschäftsmodell für dialogischen Journalismus.

Impuls 2: 

Den zweiten Impuls gibt Martin Giesler mit Einblicken aus der Praxis.

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Martin Giesler

Entscheidende Frage ist zunächst, was die redaktionellen Ziele für einen Dialog mit dem Publikum sind. Hier kommen viele mögliche Motive in Betracht, zentraler Punkt ist aber immer auch die Reichweite.

Als nächstes muss man sich fragen, wo man den Kontakt herstellen möchte. Denkbar ist ein Kontakt über Post, über Veranstaltungen und über Social Media Plattformen. Entscheidet man sich für eine Kontaktaufnahme über soziale Netzwerke, stellt sich wieder eine Reihe neuer Fragen. Wollen Journalisten  den Kontakt über einen offiziellen Account des Medienunternehmens aufnehmen oder unter seinem eigenen Namen? Welches soziale Netzwerk will das Medienunternehmen nutzen?

Bewährt haben sich vor allem Whatsapp, Snapchat, Facebookgruppen und normale Facebookseiten. Der Vorteil von Whatsapp und Snapchat liegt in dem direkten und unmittelbaren Feedback des Publikums. Hier ist es jedoch auch möglich, dass die Redaktion/ der Journalist mit der Anzahl der Nachrichten überfordert ist. Der Vorteil von Facebookgruppen liegt darin, dass die Redaktion/ der Journalist gezielt bestimmte Zielgruppen kontaktieren kann.

 Facebookgruppen sprengen die Facebookblasen 

(Martin Giesler)

Diskussion zu Impuls 2:

In der anschließenden Diskussion wurde festgestellt, dass ein konstruktiver Dialog besonders dann gelingt, wenn es eine spezielle Zielsetzung gibt. Hierzu braucht es aber auch klar eingegrenzte Räume, damit ein richtiger Dialog zustande kommt.

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Pascal Tannich

»Es gibt viele Möglichkeiten, das Publikum zu beteiligen. Die Frage ist: Was können wir Journalisten umsetzen und was will das Publikum überhaupt? Das Ziel muss allen Beteiligten klar sein.«

                                         

Welcher Kanal für den Kontakt mit dem Publikum genutzt wird, ist für die Qualität des Dialogs eher von untergeordneter Relevanz.

Abschlussdiskussion und Ergebnisse der Arbeitsgruppe 1:                

Am zweiten Tag wurden die Ergebnisse des ersten Tages reflektiert und es wurden die zentralen Fragen und Thesen final herausgearbeitet. Die folgenden Fragen und Thesen sind das Ergebnis der zweitägigen Tagung in Arbeitsgruppe:


 1. Was ist Dialog?

  • Dialog ist Teilhabe am journalistischen Prozess.
  • Transparenz („Making Of“) journalistischer Arbeit ist Teil des Dialogs.
  • Journalistische Arbeit endet nicht mit der Veröffentlichung.
  • Journalismus löst Anschlusskommunikation aus. Nachrichtenformate können keinen Dialog als Teil des Formats leisten, lösen aber einen Dialog aus.

2. Welche Aufgabe hat der Journalismus?

  • Der journalistische Anspruch an einen Dialog ist es, die Gesellschaft dialogfähiger zu machen.
  • Gesellschaftlicher Dialog braucht Reichweite. Reichweite ist ein legitimer und wichtiger Bestandteil des Diskurses.
  • Die Nutzung sozialer Medien bedeutet nicht automatisch, in einen Dialog einzutreten.

 3. Welche Motive vermuten wir bei den Nutzern?

  • Motive für einen Dialog auf Nutzerseite bestehen in der Äußerung von Feedback, Kritik, Lob, reiner Meinungsäußerung ohne Interesse am Dialog, Diskussion mit anderen Nutzern, persönlichen Kontakt in die Redaktion und 1:1 Kommunikation mit dem Autor.

4. Wie lässt sich Dialog umsetzen?

  • Dialog braucht Raum.
  • Dialogräume lassen sich eingrenzen durch zeitlich, thematisch und örtlich begrenzte Foren.
  • Dialog braucht Transparenz.
  • Redaktionelle Möglichkeiten zum Dialog müssen transparent gemacht und Eingrenzungen begründet werden.
  • Dialog-Techniken anzuwenden heißt nicht, als Sozialarbeiter tätig zu werden.
  • Es muss eine Teilhabe der Rezipienten ermöglicht werden, ohne den journalistischen Beruf aufzugeben.

Interessiert Sie das Thema und sie möchten noch mehr erfahren? Gerne stellen wir Ihnen unsere kommentierte Literaturliste zur Verfügung. Hier geht es zu den Ideen für die Praxis, dabei wurden die Ideen der Tagung weiter ausgearbeitet.
Außerdem haben wir eine ausführlichere Dokumentation der Tagung in Darmstadt zusammengestellt, die tiefer einsteigt.
AG1
Wim Wessel, Anne Alberici und Katharina Freise